Beziehung ist alles

Es dürfte wenig überraschend sein, dass Beziehung in meinem Welt- und Menschenbild einen zentralen Platz einnimmt. Sowohl als sozialpädagogischer Familienbegleiter als auch als systemischer Berater lege ich schliesslich einerseits grossen Wert auf meine eigene Beziehungsgestaltung zu den Menschen, mit denen ich arbeite, als auch darauf, deren persönliche Beziehungen zu stärken. Das Herzstück der Sozialen Arbeit ist Beziehungsarbeit.

Und dem zugrunde liegt ein existenzielles Grundbedürfnis. Ein Grundbedürfnis, das auf unserer evolutionären Entwicklung beruht und das, abermals, in modernen Gesellschaften mit Füssen getreten wird.

Beziehung ist alles.

Das potenziell Provokative liegt in der Formulierung. Dass Beziehung alles sei, stellt sich besonders dann als eine steile These dar, wenn man bedenkt, dass in der Maslowschen Bedürfnispyramide Grundbedürfnisse rein physiologisch definiert werden und Beziehung erst an dritter Stelle – nach Sicherheitsbedürfnissen – als soziales Bedürfnis an die Oberfläche dringt. Harry Harlows Experiment aus dem Jahr 1957 zum Bindungsbedürfnis von Rhesus-Äffchen zeigte sehr eindrücklich das Gegenteil auf: junge Rhesus-Äffchen wurden ohne ihre Mutter in einen Käfig gesetzt und bekamen als Kompensation gleich zwei Attrappen-Mütter zur Verfügung gestellt: eine aus Draht, die Milch spendet und eine lebensechtere, mit Stoff bespannte, die keine Milch spendet. Sie hielten sich fast ausnahmslos an die Stoff-Attrappe gekuschelt auf und unterbrachen dies jeweils nur kurz, um bei der Draht-Attrappe zu trinken. Diesem Experiment verdanken wir indirekt die extensiv untersuchte und wegweisende Bindungstheorie und Bindung wurde als eigenständiges Bedürfnis überhaupt anerkannt. Bindung, das ist unsere allererste Beziehung, nämlich die emotionale Verbindung zu unseren erwachsenen Bezugspersonen, allen voran der Mutter. Und dass dies ein existenzielles Grundbedürfnis ist, geht auf unsere Entwicklung zurück. Rein biologisch gesehen ist der Mensch ein Mängelwesen. Ohne besondere evolutionären Vorteile; das ideale Beutetier. Nicht nur haben wir keine scharfen Zähne oder Klauen, mit denen wir jagen könnten, wir haben auch keine fortgeschrittenen Strategien, mit denen wir uns tarnen, unsere Jäger täuschen oder in die Irre führen könnten. Besonders erschwerend kommt hinzu, dass unsere Nachkommen in einem völlig «unfertigen» Stadium zur Welt kommen, einem Stadium, in dem sie noch für zehn bis mittlerweile über zwanzig Jahre für ihr Überleben auf ihre Eltern angewiesen sind. Zunächst können sie sich nicht einmal selbständig fortbewegen oder für ihre Nahrung sorgen. Das macht die Fortpflanzung zu einem riskanten Unterfangen.

Und doch liegt genau hier der Schlüssel begraben, den die Evolution in ihrer unergründlichen Weisheit für uns manifestiert hat. Denn der Grund dafür, dass unsere Kinder «unfertig» geboren werden, liegt darin, dass ein Grossteil der Schwangerschaft der Entwicklung ihres Gehirns dient. Und sie den Geburtskanal verlassen müssen, bevor ihr Kopf zu gross dafür geworden ist. Die Entwicklung ihres Gehirns wird auch danach noch einen Grossteil der Ressourcen absorbieren. Dem Narrativ ganz entgegenlaufend, welches wir uns darüber erzählen, dient dieses grosse Gehirn nicht ausschliesslich dazu, grossartige, artdefinierende Denkleistungen zu vollbringen, sondern hat auch zu einem beträchtlichen Schatz an Gefühlen und sozialen Strukturen der frühen Menschen beigetragen. Wir sind also genau durch unsere grösste evolutionäre Schwäche dazu in der Lage, tiefe, innige, sinnstiftende und strategische Beziehungen einzugehen. Seit jeher haben wir dadurch Clans gebildet, in denen wir unser Überleben gesichert haben. Die genauen sozialen Strukturen, die wir herausgebildet haben, sind unglaublich vielfältig und spannend, genauer zu untersuchen. Letztendlich dienen sie alle, überall auf der Welt, aber denselben grundlegenden Funktionen:

  1. Sichern der Ahnenlinie – Klarheit darüber, wie für die Schwangeren, Gebärenden, Neugeborenen, Wöchnerinnen, Stillenden sowie für die Alten, Gebrechlichen, Kranken und Sterbenden gesorgt wird und wer dafür zuständig ist.

  2. Bewahrung von Wissen und Kultur – Klarheit darüber, wie das gesammelte Wissen des Clans festgehalten und weitergegeben wird (meist in Form von Kultur, also Kunsthandwerk, Lieder, Geschichten und so weiter) und wer dafür zuständig ist.

  3. Verteidigung im Falle von Bedrohung – Klarheit darüber, wie alle Angehörigen des Clans im Falle eines Angriffs oder einer natürlichen Katastrophe geschützt werden und wer dafür zuständig ist.

  4. Spirituelle und weltliche Führung – Klarheit darüber, wie über die Bewegungsrichtung in spirituellen und weltlichen Belangen entschieden wird und wer dafür zuständig ist.

Bereits in diesem kurzen Abriss wird deutlich, welche grundlegenden und überlebenswichtigen Funktionen an die Gemeinschaft delegiert werden und wie schwierig die Gewährleistung dieser Funktionen als Einzelgänger wird.

Mir begegnen in meiner Arbeit regelmässig Menschen, die mit Einsamkeit und Ablehnung zu kämpfen haben. Für diese Menschen wird die Angst vor Ablehnung zu einer existenziellen Bedrohung. Und das hat, wie wir sehen, reale Wurzeln. Von seinem Stamm verstossen zu werden, galt für einen Grossteil unserer Menschheitsgeschichte als Todesurteil. Nun fällt es heute mehr Menschen denn je schwer, dem dadurch entstehenden Druck Stand zu halten. Auch meine Biografie durchziehen grosse Schwierigkeiten, den Anpassungsdruck überhaupt lesen zu können – was will die Gesellschaft von mir, wie werde ich angenommen und zum Teil einer Gemeinschaft – und mit den Ängsten umzugehen, diesem nicht genügen zu können – wenn ich mich aufgrund meiner «Andersartigkeit» beim besten Willen nicht an diese Erwartungen anpassen kann und mir deutlich zu spüren gegeben wird, dass ich nicht dazugehöre. Oder: ich fast wahnhaft davon überzeugt bin, dass es so sei. Und, überall auf der Welt, über unterschiedlichste Kanäle und Medien, entwickeln Menschen Antworten darauf in der einzigen Art und Weise, die sie können. Es bilden sich Tribes derjenigen, die nirgendwo dazugehören, Menschen finden sich über diejenigen Merkmale, welche sie sonst überall anecken lassen. Ich selbst habe meinen Tribe schon vermutet in einer weltweiten Autisten-Gruppe oder bei Mensa. Aber wenn mein Problem ist, dass ich fast wahnhaft davon überzeugt bin, dass ich nirgendwo dazugehöre, werde ich meine Sehnsucht nach Gemeinschaft so niemals stillen können.

“I'd never join a club that would allow a person like me to become a member.”

Was uns Menschen letztendlich antreibt, ist die Sehnsucht nach aufrichtiger Verbindung und Beziehung. Wurde uns dies in unserer verletzlichsten Phase, der Kindheit, ausreichend zuteil, werden wir diese Sehnsucht wahrscheinlich auf einem stabilen Fundament und sozial verträglich ausdrücken. Das heisst, dass wir uns von ihr nicht dazu antreiben lassen, uns jeder wildfremden Person zu öffnen, gleichzeitig wird uns nicht die Angst vor Ablehnung oder Verkennung unseres Bedürfnisses sabotieren, indem unsere Mauern undurchdringbar werden.

In anderen Worten: die erste, wesentliche Funktion von Beziehung ist ganz urweltlich Sicherheit – eine Erfahrung, die wir ab dem ersten Moment unserer Geburt machen und worauf sowohl die Reflexe und das Erscheinungsbild des Säuglings als auch die Instinkte seiner Eltern abgestimmt sind. Eine weitere wesentliche Funktion von Beziehung, die deutlich macht, warum Beziehung wortwörtlich alles ist, wird uns ebenfalls bereits ab Geburt zuteil: unsere Erfahrung der Welt beruht auf Intersubjektivität. Über die Perspektiven unserer Eltern wird uns die Welt letztendlich vermittelt, lernen wir sie und unseren Platz darin kennen. In einem gemeinsamen Feld entstehen durch unsere Handlungen Bedeutung, Sinn, Symbole – die Welt wird zu dem, worauf sich Menschen einigen, das sie ist und danach handeln. Wenn wir an die Punkte aus dem letzten Artikel denken, wonach der Körper unser primäres Wahrnehmungsorgan ist und wir die Welt effektiv «veratmen», verdeutlicht sich eines meiner Lieblingszitate von Martin Buber: «Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Wenn wir aufhören, uns zu begegnen, ist es, als hörten wir auf zu atmen.»

Und diese Begegnung, unser gemeinsamer Atem, mit dem wir unsere Welt füllen, ist bedroht. Warum sonst fühlen sich mehr Menschen denn je entkoppelt, entfremdet, abgekappt von der gemeinsamen Menschlichkeit und von der natürlichen Welt? Menschliche Begegnung findet zunehmend vermittelt statt, verzerrt durch Technologie und reduziert auf Transaktionen. Wir sind feinfühlig darauf gestimmt, Glanzmomente in diesem grauen Rauschen zu entdecken – «Humans being bros» heisst das dann oder «Faith in humanity restored». Das macht Mut und zeigt gleichzeitig auf, dass alle von uns von einer stillen Sehnsucht erfüllt sind, dass da mehr passiert, dass wir uns mehr gegenseitig in Schwingung versetzen können und uns wahrhaftig begegnen.

Diese Sehnsucht aufzudecken, wachzuhalten und letztendlich konkret dazu beizutragen, dass sie gestillt wird, ist zu einem weiteren Fundament meiner Arbeit geworden. Denn unser Leben gewinnt an Sicherheit durch stabile Beziehungen. Und ganz besonders an Bedeutung. Dabei kann ich modellhaft professionelle Beziehungen gestalten, die tragfähig und verlässlich sind, aber auch anregen, aufdecken, verbinden, vermitteln und heilen.

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Der Mensch ist ein fühlendes Wesen