Der Mensch ist ein fühlendes Wesen

Wann immer wir Position beziehen zu einem Thema, einem Problem oder einer Fragestellung, tun wir dies aus einer Standortgebundenheit. Die Position, die wir beziehen, steht also in Beziehung mit einem Standort innerhalb eines ideologischen Wertesystems, welcher selten offengelegt wird. Im Rahmen einer Einstiegsserie möchte ich folgend den Versuch unternehmen, genau jene Grundannahmen zu durchleuchten, die meinen Standort und somit meine Haltung, ausmachen. Erst dann werde ich auf Themen und Fragestellungen der Beziehung, Erziehung und persönlichen Weiterentwicklung eingehen.

Wir steigen jeweils ein mit einer klaren These – ein Satz, an dem man sich reiben kann, der unmittelbar Resonanz, ein Mitschwingen oder Dissonanz, eine Unstimmigkeit, erzeugt. Und ganz in der Tradition unserer zivilisierten Denkweise stelle ich eine These zur Essenz des Menschen an den Anfang:

Der Mensch ist ein fühlendes Wesen.

An und für sich keine provokative These. Schliesslich steht hier nicht die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal des Menschen im Mittelpunkt – was den Menschen von anderen Tieren unterscheidet. Ebenfalls werden als typisch menschlich anerkannte Fähigkeiten nicht ausgeschlossen – schliesslich behaupte ich nicht, der Mensch ist ein ausschliesslich fühlendes Wesen. Und doch fühlt sich diese These fast schon kontrovers an. Und doch scheint hier etwas an die Oberfläche zu kommen, das unterzugehen drohte.

Seit Anbeginn der Menschheit haben sich Denkende damit befasst, was die Natur der Menschlichkeit ausmacht. Jenseits der Frage, ob diese Natur gut oder schlecht sei, sind Menschheitsbegriffe entstanden, die einen vorwiegenden «Modus operandi» (Art und Weise des Handelns) des Mensch-Seins benennen:

  • «Homo ludens» - der spielende Mensch,

  • «Homo faber» - der schaffende Mensch,

  • «Homo symbolicus» - der Mensch als symbolschaffendes Wesen.

Alles Modelle, mit denen meine Vorstellungen auch in Resonanz gehen;

  • der Mensch lernt über das Spiel, ein Modus, der durchaus ins hohe Alter erhalten bleibt

  • der Mensch verändert seine Umwelt, ob im uns bekannten Ausmass westlicher, globalisierter Zivilisation oder in Form von Jäger-Sammlerinnen-Gesellschaften, der Mensch gestaltet seine Umwelt in einer aktiven und schaffenden Rolle

  • und der Mensch hat die in sich innewohnende Fähigkeit und den kraftvollen Drang, sich eine quasi-magische Welt der Symbole aufzubauen und darin zu leben

Und gleichzeitig mache ich als Vater, als Mann, als Sozialarbeiter, als Berater, als Freund und als Begleiter jeden Tag eindeutige Erfahrungen, die dafürsprechen, dass der eigentlich wegweisendste Modus in den Hintergrund gedrängt wurde. Und, dass dieser Modus alle menschlichen Funktionen tiefgreifend beeinflusst, ob bewusst oder unbewusst. Und, dass es unabdingbar für uns Menschen ist, mit ihm wieder in Kontakt zu kommen.

Denn: geboren werden wir alle als «Homo sentiens» - den fühlenden Menschen. Ja, es gilt durchaus anzunehmen, dass wir schon im Mutterleib eine ausgeprägte Empfindsamkeit haben. Das heisst, noch bevor wir spielen, aktiv (er-) schaffen oder uns in einer quasi-magischen, symbolischen Welt orientieren, fühlen wir. Und während «Homo sentiens» wie ein utopischer Gegenentwurf zur zunehmenden Gefühlskälte unserer westlichen Zivilisation klingt, skizziere ich hier kein Idealbild, auf welches wir hinarbeiten möchten, sondern die nackte menschliche Realität. Fühlen dominiert unsere Leben im Kleinen, wie im Grossen. Bei aller Vernunft und stoischer Tugend, ist es die Liebe, die Familien zusammenhält, der Neid, der Menschen ihre Moral vergessen lässt, der Hass, der tausende Menschen in den Krieg ziehen lässt.

Die Geschichte, die wir uns selbst über unsere Spezies erzählen, ist die des vernünftigen Menschen, der sich gegen Natur und Tier abgrenzt.

Dennoch: diese nackte menschliche Realität ist nicht Teil der Geschichte, die wir uns selbst über unsere Spezies erzählen. Diese Geschichte ist die des «Homo sapiens» - des vernünftigen Menschen, der sich gegen Natur und Tier abgrenzt als etwas «separates».
Und sie durchzieht auch meine Biografie: als intelligenter, belesener und wissbegieriger Knabe entsprach es mir, mich einer rationalen Welt zuzuwenden, in der Gefühle lediglich ein Überbleibsel aus früheren Entwicklungsstadien sind; ein notwendiges Übel, das uns an unsere Herkunft als Tiere erinnert, bevor wir uns zu zivilisierten, vernunftbegabten Wesen entwickelt haben. Natürlich habe ich trotzdem Gefühle erlebt. Und dabei ist mir, wie es für Jungs typisch ist, die Wut sehr nahe gestanden - während ich die Angst, Trauer oder Verunsicherung dahinter nicht erkennen konnte. Rückblickend ist es faszinierend, welche Bewältigungsstrategien ich gefunden habe, um nicht fühlen zu müssen. Natürlich waren darunter auch sogenannte dysfunktionale Bewältigungsstrategien - Selbstbetäubung durch exzessiven Konsum von Videospielen, Internet, Essen und später Drogen. Mit den Hormonen der Pubertät haben meine Strategien immer weniger funktioniert und ich bemerkte, wie ausgeliefert ich meinen Emotionen plötzlich war. Das hat mir solche Angst gemacht, dass ich - wie gewohnt einen rationalen Zugang suchend - nachgelesen und geforscht habe, was mit mir los sein könnte. Das Internet hat mir eine eindeutige Antwort geliefert: bipolare Störung, also manisch-depressiv. Doch auch nach über einem Jahr teilweise stationärer Behandlung habe ich den Frieden mit meinem emotionalen Innenleben, den ich dringend gebraucht hätte, nicht gefunden. Ich bin meinem Fühlen fremdgeblieben bis weit in mein Erwachsenenleben. Ich weiss, dass ich damit nicht allein bin.

Und während es hier den Rahmen sprengen würde, mich darüber auszusprechen, wie wir dazu gekommen sind, uns ausgerechnet diese Geschichte über uns selbst zu erzählen und uns unsere Gefühle abzusprechen, möchte ich es nicht versäumen, an dieser Stelle «Dialektik der Aufklärung» heranzuziehen. Schliesslich umfasst die Unterdrückung unserer Gefühle genau jene «reprimierte innere Natur», welche für die Herrschaft über die äussere Natur notwendig ist.
Was bleibt, ist, dass wir uns zunehmend in einer Welt bewegen, die eine kognitive Dissonanz erzeugt zwischen dieser aufgezwungenen Geschichte und der nackten menschlichen Realität des «Homo sentiens». Was bleibt, ist, dass wir drohen, zu Maschinen zu verkommen, die mit künstlichen Intelligenzen und Robotern konkurrieren müssen. Schon wie wir über Menschen sprechen, offenbart zunehmend, wie sehr wir uns selbst schon technologisiert haben: wir funktionieren, haben Kapazitäten und Bandbreiten und schalten, wenn nötig, in den Standby-Modus. Dabei stellen mehr und mehr Menschen und eine deutliche Mehrheit meiner Klientel fest, dass sie vollständig «im Kopf leben» - eine Konsequenz dieses Narrativs, der Steigerungslogik und der Technologisierung des menschlichen Lebens.
Da tut sich mir regelrecht das Herz auf, wenn ich meine noch nicht einmal ½-jährige Tochter beobachte: dieses kleine Wesen ist noch völlig unverdorben von irgendeinem gesellschaftlichen Narrativ, lebt unbeirrt von jeglicher Steigerungslogik und Versuchen der Technologisierung. Dafür ist sie ein wahrhaftiges Knäuel des Fühlens. Ihre Emotionspalette reicht von Furcht, Unbehagen und Ekel, die sie von Gefahren fernhalten sollen, bis zu Wohlgefühl und Vertrautheit, wodurch sie spürt, wo sie sich zuwenden und Schutz, Geborgenheit und Liebe erwarten kann. Und in ihren tiefen Atemzügen veratmet sie die Welt um sich herum. Sie saugt ein und stösst aus. Dieses fühlende Wesen ist in der Welt verankert über seinen gesamten Körper. «Sentiens» umfasst in seiner Bedeutung als fühlen, empfinden, wahrnehmen massgeblich die körperliche Ebene: der Körper ist unser fundamentales Wahrnehmungsorgan. Mit ihm sind wir in die Welt gestellt, in ihr verankert, mit ihm fühlen wir sie und nehmen sie wahr.

«Mother, I feel you…»

Wie wir die Welt wahrnehmen, ist somit immer subjektiv in unserer leiblichen Erfahrung, in unserem Fühlen, verankert.

Und deshalb ist in einem zweiten Schritt meiner biografischen Reise zum Frieden mit meiner Gefühlswelt die Beziehung zu meinem Körper so massgeblich geworden. Dieses Fühlen, wie wir die Welt mit unserem Atem einsaugen und ausstossen, wie der Wind unser Gesicht sanft streichelt oder das hohe Gras unsere Knöchel kitzelt, das versetzt uns in Schwingung wie die Saiten eines Instruments – da entsteht Resonanz.
Wenn die Gefühlswelt verstummt ist, ist meistens auch die Resonanzachse mit dem eigenen leiblichen Bewusstsein verstummt. Wie ich von meinem Geist erwartet habe, sich über die Verstrickungen dieser mühsamen Regungen namens Emotionen zu erheben und unbeirrt Leistungen zu vollbringen, habe ich von meinem Körper erwartet, sich meinem Geist zu fügen. Aus dieser verstummten Resonanz hörte ich meinen eigenen Körper nur, wenn er schrie vor Schmerz, wenn er kurz vor der endgültigen Überlastung war und dann, nur dann, gab ich mich dem notwendigen Übel von Rast und Erholung hin. Ich rechne es meinem Körper sehr hoch an, dass er nie daran zerbrochen ist und ich keine bleibenden, langfristigen Schäden davongetragen habe, obwohl ich ihn jahrelang geschunden habe, als wäre ich ein Leistungssportler. Dass ich das nie geworden bin, liegt wahrscheinlich daran, dass gerade Leistungssportlern neben einer unglaublich hohen Schmerztoleranz und Widerstandsfähigkeit auch eine sehr filigrane, zarte Kompetenz abverlangt wird, welche diese Dimension des «Homo sentiens» ausmacht: Körpergefühl.

Die Betonung des Menschen als fühlendes Wesen ist die erste Kernthese aus meiner Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, ein Destillat aus jahrzehntelanger Erfahrung damit, den Fokus darauf zu legen, wo Veränderung passieren kann und wo Heilung möglich ist. Und es liegt nicht fern, dass in einer Gesellschaft, die Geschwindigkeit und Leistung betont und belohnt, Resonanzachsen des Fühlens - physisch, psychisch, emotional und spirituell - zum Verstummen kommen. Häufig liegt genau darin der Schlüssel zu den Problemen, welche Menschen zu mir führen. Häufig sind es diejenigen Menschen, die besonders intensiv, fein und tief fühlen, welche von unserer Welt der Steigerungslogik, Geschwindigkeit und Leistung abgehängt oder zerrissen werden. Und da ist es unabdingbar, dem einzelnen Menschen als fühlendes Wesen zu begegnen und ihn darin zu sehen, zu würdigen und zu stärken. Und wenn unsere Weltbeziehung an stabilen Resonanzverhältnissen gemessen werden kann, wird die Entwicklung der Fähigkeit, zu fühlen, wie die Welt uns in Schwingung versetzt, zum eigentlichen Sinn und Zweck jeder Weiterentwicklung.

Im Sinne der von mir angestrebten Transparenz, möchte ich angeben, wovon ich beeinflusst worden bin. Das ist einiges schwieriger, als bloss Quellen anzugeben, wo zitiert worden ist und es ist deshalb hier kein Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Merlau-Ponty, Maurice: «Phänomenologie der Wahrnehmung»

  • Rosa, Hartmut: «Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung»

  • Adorno, Theodor & Horkheimer, Max: «Dialektik der Aufklärung»

 

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